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15. März 2015 Internationale Demo am AKW Tihange

Am 15. März 2015  haben über 1500 Menschen am Atomkraftwerk Tihange in Belgien demonstriert.  Sie forderten die endgültige Stilllegung des Reaktorblocks 2 in Tihange und des Blocks 3 in Doel/Antwerpen. In beiden Reaktorblöcken gibt es zehntausende Risse von bis zu 18 cm (sic!) Länge und 2,5 cm Breite. Solche Risse könnten den Reaktordruckbehälter im wörtlichen Sinn zerreißen – und trotzdem hat der AKW-Betreiber Electrabel angekündigt, diese Reaktoren wieder anzuschalten.

Absurd: Terrorgefahr wegen Anti-AKW-Demo?

Belgischen Dienste nutzen die aktuell bestehenden „Terrorgefahr-gelb“, um Ressentiments gegen die Anti-Atom-Bewegung zu lancieren. Unterschwellig war zeitweise sogar ein Verbot der Demo oder zumindest der Demoroute im Gespräch. Und es stand zu befürchten, dass den deutschen Bussen mit DemoteilnehmerInnen möglicherweise schon der Grenzübertritt oder sonst die Anreise nach Tihange behindert würden.
Deshalb hatten die deutschen Anti-AKW-Gruppen dazu aufgerufen, dass Parlamentarier die Busse zum Schutz begleiten sollten. Es kamen ein Mitglied des Europaparlaments, Klaus Buchner (ÖDP) und zwei Abgeordnete des deutschen Bundestages: Andrej Hunko (Linkspartei) und Oliver Krischer (Grüne). Im Ergebnis hatte es dann doch weder auf der Anreise noch bei der Demonstration durch die Polizei irgendwelche Behinderungen gegeben. Aber es war der Demoleitung sehr deutlich zu verstehen gegeben worden, dass man reichlich militärische (!) Kräfte im Hintergrund bereitstehen habe.

Eintreffen der Demonstranten

Die Demonstranten kamen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland. Als der erste Bus aus Antwerpen ankam, wurde er von den schon Anwesenden stürmisch begrüßt. Gleiches geschah auch bei der Ankunft weiterer Busse. Acht Busse waren von deutschen Gruppen organisiert worden, so dass deren Anteil bei der Demo insgesamt deutlich überwog. Davon hielten zwei im Grenzort Vaals/NL, eine Premiere bei einer politischen Demo. Das zeigt, wie stark sich die Menschen zwischen Aachen und Köln/Düsseldorf betroffen fühlen. Bei einem Unfall in Tihange wären sie wegen der vorherrschenden Westwinde – neben den beiden Großstädten Lüttich/B und Maastricht/NL – am stärksten betroffen!

Startpunkt

Am Sammelpunkt in der Avenue DELCHAMBRE in der belgischen Kleinstadt Huey strömten die Menschen zusammen. Auch die Anwohner waren neugierig und nahmen Anteil – entgegen aller Vorurteile und offizielle Hetze vor den ‚bösen, terroristischen‘ Demonstranten. Schon hier gab es viel Musik und einige Reden, immer in dem Sprachengewirr, das solche internationalen und grenznahen Demo auszeichnet und zu eigen ist.

Die Demonstration

Es wurde eine sehr bunte und lautstarke Demonstration, die etwa 1 ½ h dauerte. Überall die gelben Anti-AKW-Fahnen in drei Sprachen, dutzende selbstgemalte Plakate und mehrere große Banner, immer mit dem zentralen Slogan „Stop-Tihange“ (siehe Fotos).
Auffällig war die große Beteiligung von Menschen auch deutlich unter 40. Viel langjährige AktivistInnen der Anti-AKW-Bewegung sind „grau“ geworden. Deshalb war es sehr erfreulich, dass sich offensichtlich ein Generationenwechsel anbahnt.
Am Tor zum AKW kam es zu Staus, weil einerseits einzelne Demoteilnehmer sich den Zugang zu den Atommeilern genauer anschauen wollten, weil das aber auch der Ort war, wo die belgische Polizei zusammen mit dem belgischem Militär eine Festung aufgebaut hatten. Die Spannung war hoch – aber nichts geschah.

Abschlusskundgebung

Die Abschlusskundgebung fand direkt vor den riesigen Kühltürmen von Tihange statt. Obwohl die schiere Größe natürlich auch die Demonstranten beeindruckte, so war doch für alle EIN Erfolg immer sichtbar: Dem Kühlturm von Tihange 2 entströmte kein Dampf! Zumindest dieser eine, besonders gefährliche AKW-Reaktor ist auf Druck der AKW-Gegner bis auf weiteres abgeschaltet.

Reden & Musik

Auf der Abschlusskundgebung gab es einige längere Reden und viel Musik. Leo Tubax von stop-nuclaire betonte die generelle Problematik der Atompolitik in Belgien. Er verlangte, dass der Atomausstieg immer damit verbunden sein müssen, dass die Menschen trotzdem Arbeitsplätze bekommen sollen. Für die deutschen Beteiligten sprach Brigitte Artmann. Sie lebt in Bayern dicht an der tschechischen Grenze, ist deutsches Mitglied von Nuclear Transparency Watch, deren Sitz in Brüssel ist und „ihre“ AKW sind das tschechische Temelín und das französische Cattenom. In Ihrer Rede meinte sie „Es gibt keinen grenzübergreifenden Katastrophenschutz, wird FANC bei Doel 3 und Tihange 2 wieder agieren als Schoßhündchen von Electrabel oder wird es der wirkliche Wachhund sein für die nukleare Sicherheit, die es sein soll?“

Weil die eigentlich geplante belgische Musikgruppe kurzfristig ausfiel, sprang Gerd Schinkel von der Gruppe „Saitenwind“ ein. Diese Gruppe hatte mit dem Lied „Der Katastrophen-Einsatz-Plan“ neben dem „Wehrt Euch, leistet Widerstand“ in den 1970 einen Klassiker der deutschen Anti-AKW-Bewegung komponiert und gesungen. Seine Lieder sind so eingängig, dass sie offensichtlich auch alle Sprachgrenzen übersprangen. Sie trafen jedenfalls sehr gut die Stimmung der Menschen auf dem Platz.

Atomkraft & Internationalismus

Bei den Demonstranten gab es offenbar ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie demonstrierten gemeinsam, egal ob Belgier, Niederländer, Luxemburger, Franzosen oder Deutsche. Es wurde mehrfach in den Reden gesagt und es war ein gemeinsames Wissen: Die Grenzen verlaufen nicht zwischen unseren Staaten oder Sprachräumen; unsere Grenze verläuft allein zwischen den Profiteuren der Atomkraft und denen sie ertragen müssen – im schlimmsten Fall als ihre Opfer.

Die Volxküche

Die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland und den Niederlanden hat auch die sog. Volx-Küchen hervorgebracht. Das sind Unterstützergruppen für Demos, um die Teilnehmer mit Trinken und Essen zu versorgen. Das Ganze geschieht auf Spendenbasis und funktioniert prächtig. Dieses positive Beispiel von solidarischem handeln gab es auch auf dieser Demo in Belgien.

Ende der Demo & Kundgebung

Nach Abschluss der Kundgebung teilten sich die Teilnehmer auf. Die einen strömten über die Maasbrücke. Dort gingen die einen zu ihren Bussen, die mittlerweile am Maasufer auf sie warteten, die anderen gingen zum kleinen Bahnhof Amay, um von dort mit den Zügen nach Hause zu fahren. Und die, die ihre Autos in Huy geparkt hatten, mussten sich sich auf den Fußweg zurück machen .

Resume

Dass es selbst vier Jahre nach Fukushima möglich war, so viele Menschen nach Tihange zu mobilisieren, ist phänomenal. Falls die Atomkraftbetreiber spekuliert hatten, die Anti-AKW-Bewegung würde einschlafen, so hat sie sich getäuscht. Die Demo war ein deutliches Zeichen. Die Menschen der Region sind sich einig:

Tihange 2 und Doel 3 dürfen NIE wieder ans Netz gehen!