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24 | 876 – oder knallt Tihange 2 doch noch vorher?

Belgisches „Recht“, so sind es ab heute noch 876 mögliche Tage

Die Medien in Belgien vermelden sinngemäß: „Das niederländisch-sprachige Gericht in Brüssel hat in der Klage mehrerer Gemeinden der Nachbarländer und belgischer Anti-Atom-Verbände zu Gunsten des Betreibers entschieden“.

Und auch hierzulande heißt es, dass die Klage gegen das belgische Atomkraftwerk Tihange erst einmal gescheitert ist.
Doch etwas viel wichtigeres ist gescheitert – hat vielmehr versagt: Der gesunde Menschenverstand – und damit ein Rechtssystem!?
Eine erste Pressemitteilung von einem Kläger aus Belgien [1] geht am Nachmittag der Urteilssprechung am 03.09.2020 bei uns ein – eine Kernaussage: „Dass sich das Gericht hinter der Kontrollstelle (FANC) versteckt, ist eine schlechte Nachricht.“

Nachdem 2012 die Fakten zu den Fehlstellen („flakes“) durch den Betreiber bzw. die FANC offen gelegt wurden, hat das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie die Initiative vorangebracht, die Region über das enorme Risiko der Rissereaktoren und die stetig wachsende Gefahr aufzuklären.

Was waren nun die Beweggründe dieser drei belgischen Richter?

Mehrfach wurden durch unsere Seite ebenso international renommierte Experten  konsultiert (2014, 2016) – eben mit dem Fazit:
Ein sicherer Betrieb dieser Rissereaktoren ist schlicht nicht möglich!

Unsere sachlich fundierte Argumentation wurde in der Bevölkerung dieser Region gehört und der Protest gegen den schwammigen Fortbetrieb der Atommeiler erfuhr in der Menschenkette Juni 2017 mit 50.000 Menschen ihren Höhepunkt.

Längere Betriebsdauer führt zu Materialermüdung und -versagen

Insgesamt ist allen belgischen Reaktoren mit nun mehr als 35 Jahren Laufzeit ihr Alter anzumerken: Schadstellen im Beton, verschlissene Armaturen, marode Notkühlsysteme, Pumpenversagen und Leckagen – noch zuletzt im Juli ein Brand bei T2. [2]

Zudem versprödet Material, welches im nuklearen Bereich eines AKWs beständig unter radioaktiver Bestrahlung steht, erwiesener Maßen schneller!

Wurde hier im Sinne einer objektiven Betrachtung auch die Klägerseite wirklich gehört?
Ist es überhaupt wahrgenommen worden, das es hier im Fall von Tihange 2 rein um die Wahrscheinlichkeit eines Super-GAUs durch RDB-Versagen (Reaktor-Druck-Behälter) geht?

Urteilsbegründung – noch wichtig?

Auch wenn bei Tihange 2 alle bisher aufgetretenen Störungen im nicht-nuklearen Bereich vorlagen, so doch durchaus mit Auswirkungen auf den Betrieb des Reaktors. Denn wenn akut ein Wärmekreislauf in irgendeiner Art und Weise beeinträchtigt wird, heißt es Abschaltung!

Bei einer Notabschaltung sogar aus vollem Betrieb – höchster Druck und Hitze: Das System wird gleich einem Flugzeug bei seinem Start größten Belastungen ausgesetzt.

Risse? – nein, Flakes!

FANC 28.10.2015, safety_case_report_t2_2015.pdf [3], S.28, Tabelle 4.10 – Dimensionen (x | y):

  • durchschnittlich 13,8 | 14,8 mm (etwa der Durchmesser eines EURO-2-Cent-Stücks)
  • maximal 70,9 | 154,5 mm (ungefähr die Maße eines 6,2‘‘ Handy-Displays)

Schwachstellen, werden spontan ineinander übergehen – es wird zu fortlaufenden Rissverläufen kommen und in einem plötzlichen Bersten des Reaktordruckbehälters enden.

So sind es nach den derzeitigen Angaben der FANC [4] mit einem Laufzeitende zum 01.02.2023 für Tihange 2 noch achthundert-sechs-und-siebzig Tage [5] Unsicherheit in puncto dieses Rissereaktors!

Immerhin, hätte das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie nicht angefangen den Finger auf die Wunde zu legen, was würde sich der Betreiber ENGIE Electrabel sonst noch alles erlauben!?
Sind wir mal gespannt, jetzt wo Tihange 2 läuft, ob die verschobene Messung der Risse im Dezember endlich nachgeholt wird und wie die Erklärungen dann lauten werden.

[1] PM Kläger Léo Tubbax | Nucléaire Stop Kernenergie asbl
[2] Beitrag 200712 Tihange 2 versagt – Tihange 1 bleibt unten
[3] FANC: safety_case_report_t2_2015.pdf
[4] FANC: Übersicht zu den belgischen Nuklearanlagen
[5] Online-Rechner für Zeitspannen